Martin Juhls | Musiker | Dortmund
Martin Juhls ist ein regelrechter Tausendsassa und hat seine Hände überall im Spiel. Ob als Musiker, als Labelmacher oder als Veranstalter – der Dortmunder ist überaus produktiv und treibt die Dinge voran. Klar, dass er eine starke Meinung zu seiner Stadt und zur Kulturszene im Pott hat. Wir trafen ihn in einem seiner Lieblingscafés in Dortmund und plauderten über seine Projekte, seinen Bezug zur Heimat und die Zukunftsperspektiven der Region.
Was machst Du?
Martin Juhls: Ich bin Musiker und mache elektronische Musik. Derzeit habe ich zwei Projekte: Marsen Jules, das geht in Richtung Modern Classic oder Modern Jazz, also eine experimentelle Anlehnung an klassische Musik, die ich zum Teil auch mit Livemusikern umsetze, und das andere heisst Krill Minima und da geht’s sehr viel um elektronisches Sounddesign und das Experimentieren mit Klängen.
Du hast auch ein eigenes Label?
Martin Juhls: Ja, ich habe aus der Not eine Tugend gemacht, weil mein Vertrieb Pleite gemacht hat. Daraus entstand dann vor etwa zwei Jahren die Entscheidung, ein eigenes Label zu machen, um von solchen Faktoren unabhängiger zu sein. Wir haben im Frühjahr 2010 den ersten Release gehabt und der nächste steht Anfang 2011 an. Außerdem planen wir für März eine schöne Compilation, die auch für Aufmerksamkeit sorgen wird.
Außerdem bist Du Veranstalter …
Martin Juhls: Ich hab über fünf Jahre im Veranstaltungs-Management des Cosmotopia gearbeitet und bin neben Carsten Helmich und einigen anderen Mitveranstalter von Juicy Beats. Außerdem mache ich ein eigenes Festival, die Audiodigitale. Ich habe auch ganz viele andere Veranstaltungen gemacht, zum Beispiel zusammen mit Heimatdesign in der Pauluskirche, oder mit dem HMKV im Phoenixbau.
Warum bist Du im Ruhrgebiet?
Martin Juhls: Ich bin immer ein bisschen mit dem gegangen, was sich angeboten hat. Ich bin eigentlich in Lünen geboren, hab da meine ersten Veranstaltungen gemacht, und von dort hat es mich nach Dortmund gezogen. Ich bin immer in die Sachen reingerutscht und bin so im Pott hängengeblieben. Jetzt bin ich auch seit sechs Jahren Vater und da ist der Drang, etwa nach Hamburg oder Berlin zu gehen, nicht mehr so stark. Obwohl er eine Zeit lang auch da war.
Wie siehst Du die Ruhrgebiets-Szene?
Martin Juhls: Sie könnte vitaler sein. Es gibt sehr viele Leute, die was machen, aber es fehlen Foren dafür und es fehlt auch an Vernetzung.

Woran liegt das?
Martin Juhls: Es gibt zu wenige Foren und es ist schwierig, hier sein Publikum zu finden. Das hat mit der Publikumsstruktur im Ruhrgebiet zu tun, mit der aktuellen Rezeption von Livemusik. Man sieht bei kleinen Bands immer wieder, dass die Konzerte einfach nicht richtig angenommen werden, während es ab einer gewissen Größenordnung oder Preisklasse eher funktioniert.
Was ist das Problem an der Publikumsstruktur hier?
Martin Juhls: Ich glaube, die Schwierigkeit für junge Bands, Publikum zu ziehen, ist ein deutschlandweites Phänomen. Das Ruhrgebiet unterscheidet sich aber stark von anderen Städten, die vielleicht nicht so eine Bevölkerung haben, aber in der Kulturszene weitaus lebendiger sind – ich denke an Münster, Leipzig etc.
Das sind alles Städte, deren Universitäten sehr klar auf Geisteswissenschaften ausgerichtet sind. Das fehlt hier, hier hat man in Dortmund an der FH nur den Bereich Design und die Raumplaner, die auch bei den Veranstaltungen einen großen Teil des Publikums ausmachen.
Was braucht das Ruhrgebiet?
Martin Juhls: Mehr Infrastruktur für Kleinteiligkeiten und eine gesunde Basis, damit Leute sich überhaupt erstmal hier wohlfühlen und nicht in Scharen wegziehen. Das heisst noch nicht mal, dass dann das Publikum da ist. Da muss man erstmal was bringen, wie so eine FH in Dortmund, die die Stadt attraktiv macht für junge Leute. Und es braucht Kreative und Geisteswissenschaftler.
Ohne Vorurteile zu machen, glaube ich schon, dass VWL- oder Jura-Studenten anders mit Kultur umgehen als Leute aus den Geisteswissenschaften. Ein BWLer hat vielleicht den großen Drang, sein Studium abzuschließen, der klotzt die ganze Woche rein und will dann nur am Wochenende mal raus gehen. Das erklärt vielleicht, warum in Dortmund abends unter der Woche die Bürgersteige hochgeklappt werden.
Glaubst Du, dass in der Kulturpolitik im Ruhrgebiet Fehler gemacht werden?
Martin Juhls: Das Kulturhauptstadtjahr in Dortmund hat jedenfalls gezeigt, dass man an vielen Stellen einfach versäumt hat, mit den entsprechenden Leute zu kommunizieren.
Man hätte zum Beispiel mal alle an einen Tisch holen können, um zu schauen was die Leute so machen und was hier überhaupt geht. Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen, erstmal einen Überblick zu bekommen, wie die kulturelle Landkarte hier aussieht und was an Substanz da ist.
Was findest Du am Ruhrgebiet gut?
Martin Juhls: Das Ruhrgebiet ist sehr ehrlich und bodenständig. Es ist nicht so verkopft.

Wie bist Du in der Region vernetzt?
Martin Juhls: Über Juicy Beats haben wir viele Kontakte zu Bands und anderen Festivals, wie zum Beispiel dem Open Source in Düsseldorf. Außerdem habe ich gute Kontakte zu verschiedenen Bands und Veranstaltern, wie Marcus Kalbitzer aus Essen. Und in der Vergangenheit habe ich wie erwähnt auch Kooperationen mit Heimatdesign, dem Hartware MedienKunstVerein (HMKV) und vielen anderen gemacht.
Hat der Pott das Potential, mit Kulturstädten wie Köln?
Martin Juhls: Man müsste dafür viel in Attraktivität und Infrastruktur investieren. Man muss gucken was fehlt und darf nicht an den Leuten vorbei arbeiten. Und man muss die richtigen Einrichtungen haben, um kreatives Publikum anzusprechen. Der Bedarf an einer weiteren Großraumdisko ist vielleicht größer – wenn aber das Ziel ist, dass sich die Kreativen, die Alternativen und Freidenker ansiedeln, dann muss man nachhaltig solche Sachen stärken und fördern, wo die sich zuhause fühlen. Das ist eine Subkultur, die ich jetzt aber auch nicht mit „Underground“ und „abgeranzt“ umschreiben möchte. Das kann auch so etwas sein wie die Etage 1 auf der Brückstraße. Der Laden war der Hammer, aber da ist jetzt halt ein Friseur drin. Es gab mal eine Zeit, da hat Dortmund ein paar besondere Läden gehabt und das hat auch gut funktioniert.
Zukunftsperspektive – meinst Du, dass sich langfristig etwas ändern kann?
Martin Juhls: Ich denke, dass das U viel bringen kann, dass der HMKV viel bringt oder die FH, wenn das richtig angetrieben wird. Das Ruhrgebiet hat viele Orte und Möglichkeiten. Und man muss ja nicht in Richtung Kreativität gehen – aber wenn man sagt, man möchte da etwas herholen, dann muss man intensiv am Umfeld arbeiten; zuerst Attraktivität schaffen und dann schauen, dass mehr Leute Interesse haben, hierzubleiben und hier etwas zu machen. Vielleicht ist die Kultur in Köln nicht besser, aber die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten im kreativen Segment sind viel höher. Es gibt dort Werbeagenturen, starke und finanzkräftige Medienunternehmen, und dementsprechend hast Du auch mehr belebte Bars am Abend, weil die Leute auch mal ‘nen Groschen über haben. Das ist aber nichts, was man von heute auf morgen übers Knie brechen kann mit einer Kulturhauptstadt.
ACHTUNG: Am Sonntag, 30.1., spielt Martin mit seinem Projekt Marsen Jules live bei der von uns geschätzten Konzertreihe urban urtyp in der Bochumer Christuskirche! Schaut vorbei …
Martin Juhls, Dortmund
www.marsenjules.de
Martin Juhls ist vernetzt mit:
Heimatdesign | Juicy Beats | Carsten Helmich | Hartware MedienKunstVerein | Open Source Festival | Marcus Kalbitzer | FH Dortmund







April 28th, 2011 at 13:11
Guter Artikel. Hab ich mal in meine RSS-Liste aufgenommen.